ISSN 1618-2162

Cover Heft 14

5. Jahrgang, Heft 14, August 2005

Preise und Ehrungen

Universität Zürich ehrt den Pionier der Datenbank-Anfragesprachen

Die Universität Zürich hat Donald D. Chamberlin als Auszeichnung für sein Lebenswerk am diesjährigen Dies Academicus (30. April 2005) die Ehrendoktorwürde verliehen. Aus diesem Anlass fand bereits am Vortag ein Festkolloquium statt, das unter der Federführung von Klaus R. Dittrich organisiert wurde, dem Direktor des Instituts für Informatik der Universität Zürich. Chamberlin gilt als der Pionier so genannter Anfragesprachen für Datenbanken, ohne die die gesamte moderne Datenbanktechnik undenkbar wäre.

Donald D. Chamberlin gilt als der Pionier so genannter Anfragesprachen für Datenbanken. Die Entwicklung von SQL, dem heutigen Standard solcher Sprachen, geht weitgehend auf ihn zurück. SQL entstand im Rahmen des ersten Prototyps eines Datenbanksystems auf Basis des relationalen Datenmodells, das um 1972 von E.F. Codd (verstorben 2003) propagiert worden war. Seine Grundideen bestehen vereinfacht gesprochen darin, alle Inhalte von großen Datenbeständen als Relationen im mathematischen Sinne zu strukturieren und als (für die Praxis leicht verständliche) Tabellen darzustellen.

Es war klar, dass man für ein solches System passende Sprachen für die Definition der entsprechenden Datenbankstrukturen und den Zugriff (Einfügen, Ändern, Löschen und vor allem Auffinden von Daten) auf die Datenbank selbst benötigt. Dank der zugrunde liegenden Mengenorientierung war es dabei erstmals möglich, dass Benutzer direkt ausdrücken konnten, was sie aus der Datenbank haben wollten, und nicht mehr formulieren mussten, wie diese Inhalte zusammengesucht werden sollten. SQL (anfangs SEQUEL getauft) war damit die erste deskriptive Datenbanksprache; sie hat sich schnell gegen die wenigen kurz darauf aufkommenden Mitbewerber durchgesetzt, wurde bereits in den 80er Jahren zum internationalen Standard erklärt und seither mehrfach erweitert. Sämtliche marktführenden Datenbanksysteme folgen heute dem relationalen Ansatz und bieten SQL als Schnittstelle an.

Nachdem sich Chamberlin in den 80er Jahren vorwiegend neuartigen Textbearbeitungssystemen zugewandt hatte, kehrte er mit Beginn der 90er Jahre zu seiner ursprünglichen Thematik zurück und beschäftigte sich mit den inzwischen aktuell gewordenen Erweiterungen von SQL und dem Technologietransfer von Prototypen zu Produkten. In diese Zeit fällt auch die Publikation zweier umfangreicher Lehr- und Ausbildungsbücher für SQL und das System DB2.

Mit Ende der 90er Jahre schließlich hat sich das Interesse an semistrukturierten Daten stark vergrößert, am besten dokumentiert durch das Schlagwort XML (als eine Metasprache zu deren Beschreibung). Auch bei der Spezifikation von XQuery, der Anfragesprache für XML-Daten, ist Chamberlin als Repräsentant seiner Firma von Anfang an führend beteiligt gewesen.

Chamberlin (Jahrgang 1944) hat 1971 an der Stanford University promoviert und sein gesamtes professionelles Leben in Forschungslabors der IBM verbracht, zunächst am T.J. Watson Research Center in Yorktown Heights, NY, und seit 1973 am Almaden Research Center in San Jose, CA, das in der Fachwelt mit einiger Berechtigung als das „Mekka“ der Datenbankforschung galt und weiter gilt (dokumentiert durch einen erheblichen Publikationsausstoß, aber auch durch die Umsetzung vieler Konzepte in erfolgreiche Softwareprodukte sowie durch die Tatsache, dass ein Großteil der führenden Datenbankforscher weltweit einmal dort angestellt war, seine Postdoktorandenzeit und/oder Forschungsfreisemester dort verbracht hat). Cahmberlin hat bereits etliche angesehene Auszeichnungen erhalten, darunter den SIGMOD Innovations Award (2003) sowie seine Wahlen in die US National Academy of Engineering (1997), als ACM Fellow (1994) sowie zum IBM Fellow (2003).

[Gruppenbild der Protagonisten des Festkolloquiums: Michel Adiba, Donald Kossmann, Donald D. Chamberlin, Dirk Jonscher und Klaus R. Dittrich (v.l.n.r)]
Gruppenbild der Protagonisten des Festkolloquiums: Michel Adiba, Donald Kossmann, Donald D. Chamberlin, Dirk Jonscher und Klaus R. Dittrich (v.l.n.r)
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Die Universität Zürich hat Donald Chamberlin als weitere Auszeichnung für sein Lebenswerk am diesjährigen Dies Academicus (30. April 2005) die Ehrendoktorwürde verliehen. Aus diesem Anlass fand bereits am Vortag ein Festkolloquium statt, das unter der Federführung von Klaus R. Dittrich organisiert wurde, dem Direktor des Instituts für Informatik der Universität Zürich. Den Inhalt des Festkolloquiums bildeten drei eingeladene Vorträge sowie ein Vortrag des Laureats selber, die zusammen die Geschichte von SQL nachzeichneten.

Michel Adiba von der Université Joseph Fourier / IMAG-LSR Grenoble eröffnete das Festkolloquium unter dem Titel „The SQL Saga". Dabei unterstrich Adiba, dass SQL als Ursprung („DNA") aller Anfragesprachen für Datenbanken anzusehen ist und sich durch eine erfreuliche Flexibilität und Erweiterbarkeit auszeichnet. Ausgehend von den Ursprüngen von SQL schilderte Adiba eine Reihe von Erweiterungen, die SQL im Lauf der Zeit erfahren hat. Den Abschluss seines Vortrags bildete ein Ausblick auf mögliche zukünftige Herausforderungen aus den Bereichen mobiler Klienten, Datenströme und Kleinst-Datenbanksysteme sowie die Feststellung, dass SQL wohl noch eine lange Zukunft vor sich haben werde.

Donald Kossmann von der ETH Zürich sprach im Anschluss an Michel Adiba zum Thema „XQuery: The (X)Path to Web Services?". Dabei gratulierte er zunächst der Universität Zürich dafür, dass sie mit der Ehrung von Chamberlin der ETH zuvorgekommen ist. Kossmann stellte eingangs Vergleiche zwischen SQL und XQuery her und zeigte den Zusammenhang von XQuery und Web-Services auf. Kossmann erläuterte, dass XQuery den Königsweg zur Verarbeitung und Transformation von XML-Daten verkörpert und mithelfen kann, den Programmieraufwand für Datentransformationen in Applikationen spürbar zu reduzieren. Zusammenfassend stellte er jedoch fest, dass XQuery SQL wohl trotzdem nicht verdrängen werde.

Als Folgeredner gab sich Dirk Jonscher von der Credit Suisse, Zürich, als ein Mitglied der „Generation SQL" zu erkennen. In seinem Vortrag „SQL @ a Global Swiss Bank – Enterprise Scale Experiences and Requirements" betonte Jonscher die Bedeutung von SQL und relationalen Datenbanksystemen in den Bereichen Online Transaction Processing (OLTP) und Online Analytical Processing (OLAP) für Unternehmen. Anschließend präsentierte er anhand verschiedener Beispiele, wie SQL und relationale Datenbanksysteme aktuell in der Credit Suisse eingesetzt werden. Den Abschluss von Dirk Jonschers Vortrag bildete ein Ausblick auf Technologie-Trends innerhalb der Credit Suisse.

Den krönenden Abschluss und zugleich Höhepunkt des Festkolloquiums stellte jedoch der Vortrag von Donald D. Chamberlin dar. Unter dem Titel „Database Query: A Historical Perspective" motivierte der Festredner den Bedarf an effizienter Datenverarbeitung am Beispiel der Volkszählung von 1880 in den USA, der über die von Herman Hollerith gebaute elektronische Zählmaschine schließlich zur Gründung der IBM Corporation führte. Chamberlin zeigte anhand eines Panoptikums von Persönlichkeiten aus der Informatik die rasanten technologischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren bis zu semistrukturierten Daten und XQuery auf und berichtete aus seinem reichen Erfahrungsschatz zu SQL. Chamberlin unterstrich, dass Datenbanken heutzutage ein integraler Infrastruktur-Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind mit dem World Wide Web als erdumspannende Bibliothek. Anfragen sind gemäß dem frischgebackenen Ehrendoktor Teil dieser Revolution, wobei deren gesellschaftliche Auswirkungen erst teilweise erkannt worden sind. In der für ihn typischen freundlichen und bescheidenen Art bedankte sich Chamberlin nicht nur bei der Universität Zürich für die Auszeichnung, sondern auch bei all seinen Kollegen, mit denen er im Laufe seiner langen Karriere zusammengearbeitet hat.

Webseite zum Festkolloquium:

www.ifi.unizh.ch/dbtg/Events/Chamberlin/

Dipl.-Inform. Patrick Ziegler
Prof. Klaus R. Dittrich
Universität Zürich
Institut für Informatik
Winterthurerstr. 190
CH-8057 Zürich
pziegler [at] ifi [dot] unizh [dot] ch
dittrich [at] ifi [dot] unizh [dot] ch
www.ifi.unizh.ch

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