ISSN 1618-2162

Cover Heft 17

6. Jahrgang, Heft 17, Mai 2006

Richard Lenz, Wolfgang Lehner

Schwerpunktthema Medizinische Informationssysteme

Abstract

Mit dem diesmaligen Thema des Datenbank-Spektrums "Medizinische Informationssysteme" wird zwar der Schwerpunkt Datenbanksysteme nicht verlassen, aber mit Blick auf die spezifische Anwendungsdomäne doch deutlich erweitert. Mit der Zusammenstellung der Artikel in diesem Heft soll zum einen ein grundlegendes Verständnis für die Anforderungen an die Informationstechnologie im Gesundheitswesen vermittelt werden, und zum anderen sollen aktuelle Problemstellungen und Lösungsansätze im Umfeld von Datenmanagement vorgestellt werden.

Eine wesentliche Voraussetzung für eine hohe Behandlungsqualität ist die Durchgängigkeit der Prozessunterstützung über Abteilungs- und Institutionsgrenzen hinweg. Die Integration heterogener Softwaresysteme, die beispielsweise in verschiedenen Abteilungen eines Krankenhauses zum Einsatz kommen, ist daher von entscheidender Bedeutung. Aber nicht nur im Krankenhaus, sondern auch für den sektorübergreifenden Versorgungsprozess und für Forschungsprojekte zur Nutzbarmachung neuer Technologien spielt das Thema Integration eine zentrale Rolle, so dass es in allen Beiträgen in diesem Heft aufgegriffen wird. Zahlreiche Standards, die sich auf verschiedene Aspekte der Systemintegration im Gesundheitswesen beziehen, existieren bereits. Zum Teil ergänzen sich diese Standards, teilweise handelt es sich aber auch um konkurrierende Standards. Zumindest im Bereich der Krankenhausintegration ist der Standard HL7 (Health Level 7) sicherlich der bedeutendste. In der Version 2 ist HL7 bereits sehr verbreitet und gut etabliert. Zahlreiche Freiheitsgrade und herstellerspezifische Auslegungen führen jedoch dazu, dass Integrationsprojekte immer noch einen hohen Aufwand verursachen. Insbesondere die Integration von Bildarchivierungssystemen (PACS – Picture Archiving and Communication System) und Radiologieinformationssystemen (RIS) in ein Krankenhausinformationssystem hat in der Vergangenheit aufgrund der Überlappung mit dem Standard für medizinische Bilddatenverarbeitung DICOM (Digital Imaging and Communications in Medicine) immer wieder hohe Aufwände verursacht. Durch Standardisierung so genannter Integrationsprofile auf der Basis von HL7 und DICOM versucht die Initiative IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) einen Schritt in Richtung "Plug-and-Play"-Kompatibilität zu tun, ohne dabei mit etablierten Standards zu konkurrieren.

Vor diesem Hintergrund wird im ersten Artikel von Jörg Schlundt, Gregor Lamla und Klaus Kuhn das Thema Prozessmanagement im Gesundheitswesen aus der Sicht der Anwendungsdomäne beleuchtet. Insbesondere wird die Bedeutung der Informationstechnologie zur Vermeidung von Fehlern in der Medizin hervorgehoben. Die Autoren geben einen Überblick über Häufigkeit und Ursachen von Fehlern und unerwünschten Ereignissen in der Medizin sowie deren Vermeidbarkeit mittels Informationstechnologie. Es wird aufgezeigt, in welchen Bereichen bereits Qualitätsverbesserungen durch den Einsatz der IT nachgewiesen werden konnten und wo weiteres Potenzial zur Prozessoptimierung besteht. Effiziente Methoden des prozessorientierten Datenmanagements bilden eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass diese Potenziale ausgeschöpft werden können.

Die bestehende IT-Infrastruktur im Gesundheitswesen und die oben kurz beschriebenen Integrationsstandards reichen derzeit nicht aus, um allen Anforderungen gerecht werden zu können. Auf neuere Standardisierungsbestrebungen geht Kai Heitmann in seinem Artikel zu HL7 Version 3 ein. Der Autor erklärt das generische Reference Information Model (RIM), das dem Standard zugrunde liegt, und darüber hinaus wesentliche Konzepte, die aus diesem neuen Standard mehr als nur ein domänenspezifisches Nachrichtenformat machen.

In der Folge der grundlegenden Reform von HL7 durch Version 3 entsteht mit der so genannten CDA (Clinical Document Architecture) derzeit auch ein Standard für klinische Dokumente, dem insbesondere für die institutionsübergreifende Kommunikation und die Etablierung einer einrichtungsübergreifenden elektronischen Patientenakte (eEPA) eine hohe Bedeutung zukommt. Mit diesem und weiteren Aspekten der hochaktuellen und komplexen Thematik der Gesundheitsnetze beschäftigt sich Peter Haas in seinem Artikel "Integrierte Gesundheitsversorgung durch elektronische Vernetzung". Die folgenden beiden Beiträge befassen sich mit Forschungsprojekten aus der in diesem Heft schwerpunktmäßig diskutierten Anwendungsdomäne. Michael Gründler, Heyo Spekker, Oliver Nee, Marco Eichelberg und Hans- Jürgen Appelrath von der Universität Oldenburg beschreiben mit M3IS ein verteiltes System, das auf eine datenschutzkonforme ortsunabhängige Einsichtnahme in eine elektronische Patientenakte abzielt.

Im Beitrag von Gert Brettlecker, Hans-Jörg Schek und Heiko Schuldt geht es schließlich um die Nutzung neuer Technologien aus dem Bereich "Pervasive Computing" im Gesundheitswesen. Die Autoren stellen in diesem Beitrag das OSIRIS-SE-System vor, das die Verarbeitung traditioneller Workflows mit der Verarbeitung kontinuierlicher Datenströme verbindet, um den speziellen Anforderungen aus dem Gesundheitswesen, wie sie beispielsweise bei der Überwachung von Risikopatienten entstehen, besser gerecht werden zu können.

Mit dem vorliegenden Heft wird das komplexe Thema "Medizinische Informationssysteme" sicherlich nicht abgedeckt. Wir hoffen aber, mit der Zusammenstellung der Beiträge in diesem Heft Ihr Interesse für eine hochrelevante Anwendungsdomäne wecken zu können. Wir danken allen Autoren für ihre Mitwirkung.

Richard Lenz & Wolfgang Lehner
lenzr [at] med [dot] uni-marburg [dot] de
lehner [at] inf [dot] tu-dresden [dot] de

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